6:23 Uhr Der Moment der Wahrheit auf 3000 Metern.

Kälte. Geduld. Perfektion. Die Geschichte hinter einem Bild.

Piz Palü und Biancograt. Tausendmal gesehen, tausendmal fotografiert. Jeden Winkel kenne ich, bei Tag und bei Nacht. Doch Vertrautheit genügt nicht, wenn Exzellenz gefordert ist. Also verbrachte ich nochmals eine Nacht dort oben. Allein. Es entstand ein neues Werk. Eines meiner besten Bilder bis heute.

Sonnenaufgang auf dem Piz Palü © Jürg Kaufmann

Sonnenaufgang auf dem Piz Palü © Jürg Kaufmann

Das Gewicht einer leeren Wand

Alles begann vor einigen Monaten mit einer Nachricht. Ein Kunstsammler hatte das 24 Meter hohe Werk am Piz Badile gesehen, das Grace La Margna in St. Moritz gesehen. Seine Vision für sein home Rheintal: ein über vier Meter hoher Piz Palü bei Sonnenaufgang und ein vier Meter hoher Biancograt. Ein bis ins kleinste Detail durchdachtes Haus. Nichts dem Zufall überlassen.

Dankbarkeit gepaart mit Respekt. Ich empfand zwei Dinge zugleich – Stolz darüber, an einem Projekt dieses Kalibers mitwirken zu dürfen, und das volle Gewicht der Verantwortung, die damit einhergeht. Bei dieser Größenordnung Werk das Werk zur Wand, zum Raum, zum Haus gehören. Wände sind niemals perfekt rechtwinklig. Millimeter werden bei 450 cm zu Zentimetern. Ich kehrte mit Messgeräten zurück, um jedes Detail zu dokumentieren – Wandflächen, Lichteinfälle, Befestigungspunkte. Gut, dass wir das getan haben.

Die Herausforderung in der Produktion

Die Abmessungen sprengten jeden Standard für Kunstdrucke. Mein erster Gedanke galt Diasec – dem Verfahren mit direkt auf Acryl montierten Drucken, das Fotografen wie Andreas Gursky für ihre grössten Werke nutzen. Technisch perfekt. Auf Museumsniveau. Doch bei 450 Zentimetern stiessen wir auf ein Problem, das fast unlösbar war: Es gibt in Europa nur eine einzige Einrichtung, die in der Lage ist, Diasec-Kunstdrucke in dieser Grösse herzustellen, und diese befindet sich nicht in der Schweiz.

Dann kam die Frage, über die niemand nachdenkt, bis er es muss. Wie transportiert man ein 4,5 Meter langes Werk Lkw von Norddeutschland in die Schweiz? Wie kommt es unbeschadet durch den Zoll? Wie geht der Rahmenbauer damit um? Und schließlich – wie kommt es ins Haus? Glauben Sie mir: Der Zoll ist noch die geringste Herausforderung. Die Logistik und die sichere Handhabung sind ein Projekt für sich.

Ich trat einen Schritt zurück und überlegte es mir noch einmal. Manchmal ist die beste Lösung nicht die naheliegendste.

Gemeinsam mit einem Partner in der Schweiz wurde eine Rolle feinster Leinwand bis an ihre Grenzen getestet. Echte Farbpigmente auf hochwertiger weißer Leinwand. Nach meterlangen Testdrucken war die Grundlage geschaffen. Die unmögliche Logistikkette aus Norddeutschland war Geschichte. Die Qualität sprach für sich.

Das Foto, das es noch nicht gab

Der Druck des Biancograt war ein wunderbares Erlebnis. Beim Piz Palü fehlte jedoch etwas. Ich überprüfte meine vorhandenen Bilddaten im Maßstab 1:450 und stellte fest: Die Auflösung reichte nicht aus. Nicht bei dieser Größe. Nicht für einen Druck, bei dem jede Felswand und jede Gratlinie auch aus Armeslänge noch klar erkennbar sein muss. Die Daten waren für den Standard-Großformatdruck bei 2,5 Metern hervorragend, doch der monumentale Maßstab verzeiht keine Fehler.

Ich hatte das Gefühl, vor einer tiefen Gletscherspalte zu stehen. Dem Kunden gefiel diese Komposition – der Piz Palü mit der Bellavista im Licht des frühen Morgens – sehr gut. Wir hatten darüber gesprochen, den Bildausschnitt verfeinert und uns vorgestellt, wie das Bild an der Wand wirken würde. Und nun musste ich ein Problem lösen, das ich von meinem Schreibtisch aus nicht bewältigen konnte. Ich musste einen Weg finden, diese Gletscherspalte zu überqueren.

Sonnenaufgang auf dem Biancograt mit dem Piz Bianco © Jürg Kaufmann

Sonnenaufgang auf dem Biancograt mit dem Piz Bianco © Jürg Kaufmann

Von Saint-Tropez zur Diavolezza

Ich war damals in Saint-Tropez und fotografierte klassische Yachten für den Gstaad Yacht Club. Das Licht des Mittelmeers, warme Abende, der ruhige Rhythmus des Hafens nach der Regatta.

Dann habe ich mir die glaciers.today Bilder an. Der erste Schnee war im Engadin gefallen. Und es war Vollmond.

Ich kenne diese Berge. Ich habe den Piz Palü, den Persgletscher und das Berninamassiv zu jeder Jahreszeit, zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter fotografiert. Ich wusste genau, was diese Kombination bedeutete – Neuschnee, klarer Himmel, Vollmond und die Chance auf jenen einen kurzen Moment, in dem das letzte Mondlicht auf das erste, durch die Atmosphäre gestreute Sonnenlicht trifft.

Ich habe eine Entscheidung getroffen. Vielleicht etwas impulsiv. Ich nenne es Engagement.

Ich verließ Saint-Tropez. Fuhr home. Packte meine Bergausrüstung und meine Kameras ein. Fuhr zur Diavolezza.

3.000 Meter, 1 Uhr morgens

Vom Meeresspiegel bis auf 3.000 Meter. Um ein Uhr morgens trat ich nach draußen. Keine Wolken. Die Sterne waren so dicht, dass sie zu summen schienen. Die Kälte war gnadenlos – eine Kälte, die jede Lücke in der Kleidung findet und den eigenen Atem als Eis auf der Gegenlichtblende gefrieren lässt.

Ich kletterte auf meinen Posten und wartete.

Um vier Uhr morgens hatte ich meine Aufnahmen. Gute Aufnahmen. Aber ich war nicht zufrieden. Das Mondlicht allein reichte nicht aus. Ich wusste, worauf ich wartete – auf jenen einen Moment, in dem die aufgehende Sonne, noch unter dem Horizont, beginnt, Licht durch die Atmosphäre zu streuen. Ein diffuses Leuchten, das auf das harte Licht des Mondes trifft. Es dauert nur wenige Minuten.

6:23 Uhr. Der Moment war gekommen. Die ersten Sonnenstrahlen streiften die weißen Gipfel. Piz Palü und Bellavista standen in jenem unwahrscheinlichen Gleichgewicht zwischen Nacht und Tag, zwischen Mond und Sonne. Acht hochauflösende Vertikalaufnahmen. Eine nach der anderen. Nach stundenlangem Warten musste nun alles schnell gehen. Der Moment war magisch, die Konzentration total. Die Finger steif. Die Nasenspitze gefroren. Aber ich hatte das Bild.

07:30 Uhr – Eine Überraschung

Zurück in der Berghütte der Diavolezza, nach sechs Stunden auf 3.000 Metern Höhe, kam auf dem Bildschirm der Moment der Wahrheit. Das Panorama war vollständig. Eine Auflösung, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte.

Um 07:30 Uhr habe ich dem Kunden eine WhatsApp-Nachricht geschickt: Ich habe eine Überraschung für dich.

Er antwortete innerhalb einer Minute. Er hatte keine Ahnung, dass ich die Nacht hoch in den Bergen verbracht hatte, in Erwartung eines Augenblicks, der vielleicht niemals gekommen wäre.

Überrascht und erfreut lud er mich auf meinem Rückweg aus dem Engadin auf einen Drink zu sich nach Hause ein.

Von den Daten zur Wand

Es folgten zwei Tage vor dem Bildschirm. Das Zusammensetzen der acht Bilder – digitale Handwerkskunst in Perfektion. Jedes Detail musste stimmen. Jeder Farbverlauf musste über 450 Zentimeter hinweg nahtlos sein.

Beim Drucken wurde klar: Jede Minute in der Kälte und vor dem Monitor hatte sich gelohnt. Die Arbeiten wurden von einem Fachmann fertiggestellt. Aufgezogen und gerahmt in schwarzer Eiche – genau auf den Farbton des Hauses abgestimmt.

workshop bewegend zu sehen, wie diese Giganten in der workshop zum Leben erweckt wurden. Der Moment war fast zu kurz, bevor sie für den Transport verpackt wurden.

Die Montage vor Ort: pure Spannung. Alle waren voll konzentriert. Und plötzlich hing der Biancograt an der Wand. Ich setzte mich auf die Treppe und genoss einfach den Moment.

In dem Moment, als beide Werke in ihren Räumen hingen – das vertikale „Biancograt“, das eine Wand dominierte, und das horizontale „Piz Palü“, das die andere mit diesem sanften Morgenlicht ausfüllte –, ergab das gesamte Projekt plötzlich Sinn. Jede Stunde in der Kälte, jedes logistische Rätsel, jeder Probedruck, jeder erneute Besuch, um eine Wand zu vermessen, die nicht ganz rechtwinklig war.

Die Fotos gehörten dorthin. Als hätten sie schon immer auf dieses Haus gewartet.

Die Extrameile

Der Kunde öffnete eine Flasche Weißwein. „Jürg, ich habe etwas für dich.“ Er reichte mir einen Stein und fragte: „Weißt du, woher der stammt?“ Ich erkannte den Stein vom Palü und vom Piz Bernina. Er lächelte: „Nur ein bisschen weiter weg. Und höher.“ Genau – Jann, der Kunde, war auf dem Gipfel des Mount Everest gewesen und hatte einen Stein mitgebracht.

Ich war den Tränen nahe. Danke, Jann.

Der Stein steht jetzt auf meinem Schreibtisch. Er erinnert mich jeden Tag daran, dass es sich lohnt, noch einen Schritt weiter zu gehen.

Ein Stein vom Mount Everest

Ein Stück vom Mount Everest auf meinem Schreibtisch


Hinweis: Aus Datenschutzgründen wird eine KI-Visualisierung verwendet.

Danke an alle für diese grossartige Zusammenarbeit. Echte Teamarbeit von der ersten Idee bis zu dem Moment, in dem das Bild sein neues Zuhause fand.


Partner in diesem Projekt: Bost Productions & Studio Arte


Jürg

Biancograt & Piz Palü.
Hinweis: KI-Visualisierung zur Wahrung der Diskretion


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