Der Piz Bernina im Grossformat: Zwischen Himmel und Erde

Der Piz Bernina im Großformat, zwischen Himmel und Erde, Jürg Kaufmann

Manche Fotos beginnen nicht mit einem Berg. Sie beginnen mit einer Freundschaft. Mara und Giovanni, ein Paar, das ich seit unserer Jugend kenne und das seit drei Jahrzehnten sein Leben miteinander teilt, wollten diese Zeit mit etwas Einzigartigem festhalten. Kein Portrait, sondern ein Bild der Berge, die sie all die Jahre still begleitet hatten. Wir sprachen über Orte, über die Lichtverhältnisse in den verschiedenen Jahreszeiten und über jene seltenen Momente, in denen die Alpen etwas offenbaren, das sie normalerweise für sich behalten.

Am Vorabend

Der Abend und die Nacht vor einem Flug dieser Art haben ihre ganz eigene Bedeutung. Draussen fiel der Schnee in stiller Beständigkeit. Drinnen war alles vorbereitet, doch der Ausgang blieb auf wunderbare Weise ungewiss. Als der Morgen anbrach, war das Auto unter einer dicken Schicht Neuschnee begraben, und das Engadin lag verborgen unter einer schweren, grauen Wolkendecke. Würde das Licht durchbrechen? Ich wusste, dass es das würde. Über den Wolken wartet meisstens etwas Außergewöhnliches.

Wir hoben in Samedan ab. Der Hubschrauber trug uns empor, hinein in eine dichte Wolkendecke, welche die Welt um uns herum verschluckte. Es dauerte nur einen Augenblick. Dann riss eine Lücke in das Grau. Ein tiefes, klares Blau brach durch, und vor uns entfaltete sich eine Welt, die uns vertraut war und doch von atemberaubender, fast unvorstellbarer Schönheit.

Zwischen Himmel und Erde

Da stand er: der Piz Bernina. Unberührt, in frischen Schnee gehüllt. Crast' Agüzza, Piz Roseg und der Biancograt, jener weisse Grat, den Paul Güssfeldt 1878 als Erster überquerte. Das Licht schenkte uns seine Farben, und in diesen Farben schien die Zeit jede Bedeutung zu verlieren.

Ich fotografiere seit Jahrzehnten in den Alpen, und doch sind es nicht nur die Felswände oder die Gipfel, die mich am meisten bewegen. Es ist dieser eine Moment, in dem sich der Raum öffnet und die Welt nichts von dir verlangt. Die Berge sind lediglich die Kulisse. Das eigentliche Motiv ist die absolute Stille über ihnen.

Unter uns lag ein Wolkenmeer wie ein zweiter Horizont über der Erde. Keine Menschenseele war zu sehen. Ich fragte mich, wie dieser Ort wohl während der letzten Eiszeit ausgesehen haben mochte. Wahrscheinlich nicht viel anders. Dieselben gewaltigen Gipfel, dasselbe unerbittliche Licht, dieselbe tiefe Stille. Ein Gedanke, der einen sehr klein erscheinen lässt und doch tief verbunden mit jedem Menschen, der jemals in stiller Ehrfurcht vor dieser Landschaft gestanden hat.

Was für ein Privileg.

Vielen Dank, Mara und Gio

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